Leben in der Polykrise – Jenseits von Hoffnung und Angst Es heißt, man solle die Leserin dort abholen, wo sie sich gerade befindet. Wahrscheinlich irgendwo in den Verwirrungen, durch die ich mir selbst einen Weg zu bahnen versuche: Inmitten der "Bocksprünge eines aufgeregten Zeitgeistes“. Heute hüh und morgen hott. Eine Krise folgt nahtlos der nächsten. Die Aufregung um Corona war gerade im Abflauen, als prompt der Ukrainekonflikt losbrach, der vom Palästinakonflikt und aktuell vom Irankonflikt überlagert wird. Hektische Reaktionen, Rufe nach „Zeitenwende“ allerorten. Annalena Baerbock als Außenministerin forderte forsch von Russland, „seinen Kurs um 360 Grad zu ändern“. Darf es noch ein bisschen mehr sein? Beim Atomkurs sind aktuell 720 Grad zu verzeichnen: In den 1960er Jahren der Einstieg, mit der rot-grünen Regierung 2000 die Ankündigung des Ausstiegs, mit der Regierung Merkel 2010 dann der Ausstieg aus dem Ausstieg, der aber nur bis zur Havarie von Fukushima 2011 währte. Nach dem kurz darauf erfolgenden Sturz der CDU in Baden-Würtemberg war wieder Ausstieg angesagt. Und jetzt, angesichts der Versorgungskrisen aufgrund des Ukraine- und des Irankonflikts fordert die EU-Kommission den Wiedereinstieg. Nur so als Beispiel, in allen Politikfeldern und Lebensbereichen wird in immer schnellerem Wechsel ständig eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Und die Bürger, die am Gängelband der Leithammelmedien hängen, in Angst versetzt. Damit werden wir uns im ersten Teil des Blogs befassen, aber dabei wollen wir nicht stehenbleiben. Wir müssen fragen, was uns in diese aufgeregte und zumindest bisweilen widersinnige Situation geführt hat. Natürlich, ein bisschen Aufgeregtheit muss sein, das war schon immer so. Sich als letzte Generation zu fühlen, hat schon immer etwas Sinnstiftendes: Man steht nicht einfach so, wie unendliche viele Generationen zuvor, in der Tretmühle des Lebens und Ablebens, muss sich im Schweiße seines Angesichts sein Brot verdienen, Nachkommen groß ziehen und stirbt dann einfach so. Sondern ist im Welttheater wirklich spektakulär unterwegs und darf dem großen Showdown beiwohnen. Glaubt man eventuell auch gerne. |
|
H
|
|
Weltenbrand, Armageddon, Jüngstes Gericht. Diese Vorstellung war schon immer attraktiv. Aber jetzt scheint sie, mit der Umweltkrise, der Wirtschafts- und Finanzkrise, der Demokratiekrise, der geopolitischen Hegemonialkrise eine sehr aktuelle Gestalt anzunehmen. Sollen wir das ernst nehmen? Ich fürchte ja, und schlimmer noch, die Menschheit hat letztlich keine Gegenmittel. Kann sein zwar, dass China den Westen als Hegemonialmacht ablösen wird und vieles besser macht, weil man dort in einigen Dingen, vielleicht sogar im Regierungssystem, klüger ist als wir. Aber die globale Umweltkrise werden auch China und Indien langfristig nicht überwinden können, auch wenn diese Länder im Umgang mit regenerativen Energien cleverer sein mögen (und dazu auch die größeren Flächenressourcen haben). Über kurz oder etwas länger werden auch sie sich festfahren in der “Tiefenstruktur der Polykrise”. Was ist also zu tun? Meines Erachtens: Nichts! Aufregung wird nur alles schlimmer machen. Man identifiziert Feinde, die angeblich Schuld sind und bricht moralische Feldzüge und Kriege vom Zaun. Die Ressourcen werden knapp, also führt man Kriege um die letzten Reste davon für den eigenen Machtblock zu sichern. Und steckt dabei in Brand, was übrig ist. Damit beschleunigt man den Niedergang, der ohnehin unvermeidlich ist. Zu diesem zweiten Teil des Blogs wird also auch das generelle Nachdenken über die Mechanismen der Evolution gehören: Leben ist unwahrscheinlich, bewusstes Leben noch viel unwahrscheinlicher, die industrielle Revolution ein kurzes Feuerwerk. Die Hybris der innerweltlichen Erlösung, wie sie die Wissenschaft seit der Aufklärung propagiert, ist ein geradezu absurd prekäres Unterfangen. Niemand darf sich wundern, wenn dieser Traum recht schnell zu Ende geht. |
|
|
|
Was also bleibt aktuell zu tun: Lasst fahren all die sinnlose Hoffnung und all die sinnlose Angst! Wenn wir nicht wieder an außerweltliche Instanzen glauben wollen oder können, müssen wir die Dialektik von Sein und Nichtsein, von Leben und Tod begreifen und aushalten. Erst durch den Tod gewinnt das Leben seinen Sinn. Darum lasst uns das Leben feiern, solange es dem Nichtsein überraschend Besuche abstattet. Entsprechend begeben wir uns auf die Suche nach „Kleinen Fluchten – Jenseits von Hoffnung und Angst“. Das ist der dritte Teilblog, auf dem ich über kleine Reiseerlebnisse, ästhetische Wahrnehmungen, Alltagsbeobachtungen und neue Erfahrungen berichten will. Ich hoffe, dass dieser Teil nicht so knapp ausfällt, wie jetzt die Ankündigung. Soweit der grundsätzliche Entwurf. Da das ganze aber als ein essayistisches Projekt für die kommenden Jahre geplant ist, weiß ich natürlich nicht, was mir alles noch im Detail so einfallen wird: zu den noch kommenden Bocksprüngen des Zeitgeistes, der Tiefenstruktur der Polykrise, und welche kleinen Fluchten gelingen mögen. Daher sollte man die gegenwärtige Stichwortliste in den Teilblogs erst ernst nehmen, wenn sie tatsächlich irgendwann abgearbeitet wird. Es gibt in diesem Blog keine direkte Kommentarfunktion. Auf freundliche Zuschriften und anregende und weiterführende Kritik an meine mail-Adresse antworte ich gerne, eventuell auch in einem darauf aufbauenden Blogbeitrag. |
|
|
|
|
|
|