Bocksprünge des Zeitgeists – weil wir alle so aufgeregt sind Der Zeitgeist springt hin und her, mal links, mal rechts, mal hoch, mal runter. Man meint, er könne sich kaum auf der rotierenden Weltkugel halten. Eine Krise jagt die nächste, alle drei Tage wird irgendwo eine „Zeitenwende“ ausgerufen. Früher war alles besser? Nein, damals, in der „bleiernen Zeit“, war es nicht besser, aber weniger aufgeregt, zumindest in den Zentren der Macht. Man konnte die Herrschhaft dort mögen oder auch nicht, ganz egal, denn sie saß fest im Sattel. Jedenfalls schien uns das noch so vor der Jahrtausendwende. Der Plebs durfte so viel kritisieren, wie er wollte, im Herrschaftsgefüge aber blieb man gelassen. Solange kein (Links-)„Extremismus“ zu verorten war, hätte Delegitimierung des Staates keinen Verfassungsschützer, ein „Schwachkopf“-Vorwurf keinen Staatsanwalt hinter dem Ofen hervor gelockt. Rauere Töne in der Öffentlichkeit waren nicht ungewöhnlich, wurden aber fast immer im vertrauten Rahmen stabiler Interessensgegensätze und politischer Orientierungen eingeordnet. Wenn Franz-Josef Strauß und Herbert Wehner herumpöbelten, dann war das die gewohnte Folklore der alten Bundesrepublik. Allerdings war der Zugang zur medialen Öffentlichkeit damals auch noch streng begrenzt, das heißt politischer und anderer Prominenz vorbehalten. Der Pöbel konnte – mangels Internet – noch nicht mitpöbeln. Entsprechend war niemand kognitiv oder moralisch verunsichert. Ganz im Gegenteil: Was uns als Spontis in den 1980er Jahren noch als „bleierne Zeit“ vorkam – auch über den engeren Sinn des Films von Margarethe von Trotta hinaus – war die Stabilität und Langweile der Verhältnisse. „Gibt es ein Leben vor dem Tode?“ oder „Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um“ waren Slogans, die das Lebensgefühl ausdrückten und den Protest prägten.
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Heute dagegen erscheint die Herrschaft brüchig, vielfach widersprüchlich, teilweise sogar verrückt. Der Staat, seine Finanzen, sein Parteiensystem, seine Beziehungen zur Wirtschaft und zu den Bürgern, das Geflecht außenpolitischer Beziehungen, der Elitenkonsens, all das wirkt immer mehr zerrüttet. Gleichzeitig werden die Forderungen an den Staat immer ambitionierter: Er soll die globale Klimakrise abwenden, Versorgung mit kostengünstiger Energie sichern, die Steuern senken und die Infrastruktur sanieren, die soziale Ungleichheit bekämpfen, Wachstum fördern, alle Fliehenden aufnehmen, unsere Freiheit und unsere Virenfreiheit schützen, kriegstüchtig werden, aber bitte unsere Kinder nicht als Soldaten einziehen, mit Bomben und Drohnen den Frieden bewahren, und schließlich die Demokratie durch Parteienverbote und Zensur verteidigen. Und noch viel mehr. Egal, wie man zu diesen Forderungen im Einzelnen stehen mag, wir müssen zunächst fragen, ob nicht jede einzelne davon schon für einen vergleichsweise wohlorganisierten Staat schwer erfüllbar wäre, für einen desolaten Staat nun schon gar. Wollten die Linken im letzten Jahrtausend noch den „Staat als Büttel des Kapitals“ revolutionär überwinden, so hegen sie ihn jetzt (und mit ihm den Kapitalismus) wie ein rohes Ei und flehen ihn an, dass er ihnen „gegen Rechts“ und alle andere Unbill beistehen möge. Die Diskrepanz zwischen Wollen und Können betrifft aber nicht nur den Machtapparat, sondern hat auch eine sozialpsychologische Dimension: Angst, Sensibilität und überlegene Moral („Wokeness“) sind zu Distinktionsmerkmalen des Bildungsbürgertums geworden. Man möchte nicht nur die immer zerbrechlichere eigene Seele retten, sondern gleich auch die ganze Menschheit. Und neben der Menschheit mit veganer Ernährung auch alle Tiere schützen. Sehr lieb! Warum zeigt aber niemand Mitgefühl für die Pflanzen: „Ja könnten die Pflanzen laufen und schreien wie wir, niemand spräche ihnen Seele ab; [...] und doch sind die Pflanzen wahrscheinlich bloß stumm für uns, weil wir taub sind für sie“ schrieb der berühmte Psychologe und Naturphilosoph Gustav Fechner schon im 19. Jahrhundert. Wie können wir da selbst in den hippsten „Locations“ so barbarisch sein, tote Pflanzen zu essen (nachdem wir mit großer Geste die toten Tiere und ihre Produkte von den Tellern verbannt haben)?
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Gleichzeitig mit der stetig wachsenden Sensitivität sinkt aber die Organisationsfähigkeit und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Konnten Arbeiter und soziale Bewegungen im 19. und 20. Jahrhundert noch durch Streiks und Protestaktionen das lokale Herrschaftsgefüge erschüttern und wesentliche Konzessionen durchsetzen, haben sich Machtströme und Ausbeutung heute so weit ins Globale entrückt, dass sie kaum noch greifbar und erst recht nicht mehr angreifbar sind (aber dennoch gerade deshalb, das heißt wegen steigender Komplexität, zusammenbrechen können). Träumte die Studentenbewegung der 1968er Jahre noch von der Weltrevolution, zeigte der Slogan „Global denken, lokal handeln“ in den 1980er Jahren schon Einsicht in die Grenzen des eigenen Wirkungsbereichs. Heute wird über Wirkung gar nicht mehr öffentlich nachgedacht, heute wird einfach nur noch „Haltung“ demonstriert. „Wir Linken tragen Masken, weil die Rechten keine Masken tragen“ begründete eine junge Kollegin in den ersten Monaten der Coronaepidemie ihr Bekenntnis zur Maske. Dieser Rückzug auf sichtbare Zeichen der eigenen Gesinnung – oder „den eigenen Lifestyle“, wie es neudeutsch heißt – wird nicht immer so platt vorgetragen. Und von einigen der Protagonisten sogar als Ausdruck eigener Hilflosigkeit reflektiert. „Souverän erscheint, wer im Ausnahmezustand noch über sich selbst entscheiden zu können meint“ könnte demnach heute der von Carl Schmitt geprägte Slogan abgewandelt lauten (Sebastian Friedrich im Freitag vom 23. April 2026). Aber gleichgültig, ob intelligent, reflektiert oder keins von beidem: Die wachsende Diskrepanz zwischen Anspruch und Vermögen ist für alle schmerzhaft und lähmend. Vielleicht sollten wir immerhin unsere Ansprüche mäßigen, wenn wir schon der Evolution gesellschaftlicher Verhältnisse und der Selbstabwicklung des Westlichen Machtgefüges nur noch ohnmächtig zuschauen können?
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„Angst und Chaos“ als Bildauftrag an ChatGPT (das sich bei der Bilderstellung offensichtlich aus Klischees von Horrorfilmen bedient hat) |
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Voraussichtliche Themen dieses Teilblogs: Da man nicht wissen kann, welche Bocksprünge der Zeitgeist in Zukunft vollführt, hier zunächst nur stichwortartig ein paar Überlegungen zu den Sprüngen in der Vergangenheit. Sobald ausgearbeitet, erscheint der entsprechende Titel unterstrichen und blau unterlegt. Weitere Themen werden dann aktuell dazu kommen. Wer in der email-Liste eingetragen ist, wird entsprechend benachrichtigt. Sind imperiale Kriege wirklich „rational", Herr Mearsheimer? Nostradamus oder die Erkenntnistheorie des Schwarzsehens Aufgeregte Zeitgenossen während der Französischen Revolution (Reddy) Aufgeregte Zeitgenossen von Bismarck zu Hitler (Radkau) Erschöpfte Zeitgenossen: Depressionen statt Neurosen (Ehrenberg) Der Untergang der Titanic und die Spanische Grippe: zwei Erinnerungsgeschichten Börsen: Manias und Panics (Kindleberger) Das Ende der Westlichen Hybris als eine Abfolge von Krisen: Vom 11. September 2001 bis zur aktuellen Gegenwart Verschwörungsleugnung und Verschwörungsglauben am Beispiel der Ermordung von J.F. Kennedy und der Coronaepidemie: Unterdeter-minierte Verlautbarungen und überdeterminiertes Raunen Todesverdrängung in der Moderne am Beispiel der Corona-Hysterie (Bauman) Paradoxes im Endkampf ums Öl Risikogesellschaft 2.0: Angst als Treibstoff spätkapitalistischer Gesellschaften
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