Leben in der Polykrise – Jenseits von Hoffnung und Angst Bocksprünge des Zeitgeists, von einer Krise zur nächsten, jeden Monat eine neue Zeitenwende, aber wohin? Immer neue Sündenböcke, immer neuer Abwehrzauber. Ich bin, auf meine alten Tage, zugegebenermaßen etwas verwirrt. Meine Vermutung als gelernter Sozialwissenschaftler: Es liegt nicht an dem einen oder anderen Akteur, der irrwitzige Dinge tut. Dass alle jetzt verrücktspielen, muss tiefere Ursachen haben. Wir sind in eine umfassende Krise – oder besser gesagt in ein ganzes Ensemble sich wechselseitig verstärkender Krisen – geschlittert, aus denen es absehbar keinen Ausweg gibt. Beim Untergang der Titanic warteten erstaunlicherweise (fast) alle geduldig, einen Platz in den (dank der „Unsinkbarkeit“ der Titanic viel zu knapp bemessenen) Rettungsbooten zu finden. Ein Run auf die Rettungsboote hätte diese zum Kentern und damit ein noch viel schnelleres Ende gebracht. Und so scheint es auch heute: Indem wir uns in verzweifelter Lage wechselseitig angreifen, beschleunigen wir den Niedergang. |
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Früher habe ich auch die Welt zu retten versucht, vor allem vor dem ökologischen Zusammenbruch. Heute glaube ich, dass die wechselseitigen Rettungs- und Missionierungsversuche, die moralischen Appelle und das angstgetriebene Gebelle – aus allen möglichen Richtungen und mit völlig widerstrebenden Zielen – uns nur noch schneller in den unvermeidbaren Niedergang treiben. Der industriellen Zivilisation gehen aufgrund ihres globalen Erfolgs die Ressourcen aus, und der Kampf um die verbleibenden Rohstoffe und Verschmutzungsspielräume treibt die Menschheit noch schneller in den Zusammenbruch: Nicht nur, dass im Krieg Unmengen dieser Rohstoffe und Verschmutzungsspielräume zusätzlich verbraucht und vernichtet werden. Das sowieso. Aber zur Bekämpfung globaler Umweltbelastungen wäre darüber hinaus Verständigung und Kooperation erforderlich. Internationale Zusammenarbeit war schon immer prekär, nun wird sie unmöglich. Durch Krieg und innere Zerrüttung wird so nicht nur das physische, sondern auch das psychische und das soziale Klima zerstört. Das ist die Tiefenstruktur der Polykrise. |
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Doch wozu dieser Blog? Nicht um die Welt zu heilen. Sondern um mir selbst die verrückten Bocksprünge des Zeitgeists und die Tiefenstruktur der Polykrise verständlich zu machen. Also der eigenen Verwirrung entgegenzuwirken und gegenüber den Aufgeregtheiten der Zeitgenossen Distanz zu gewinnen. Vielleicht mag auch die eine oder der andere mir in dieser Perspektive folgen. Aber ich will niemanden bekehren, sondern will eigentlich nur, für die mir oder uns noch verbleibende Zeit, eine neue und beruhigtere Perspektive finden. Kleine Fluchten heißt deshalb der dritte Teil des Blogs, in dem ich vor allem über einen angstfreien Umgang mit dem Tod und die durch Hoffnungslosigkeit veränderten Möglichkeiten des aktuellen Erlebens nachdenken will: Indem wir dem Tod ruhig entgegensehen und uns von den Gedanken an die Zukunft lösen, können wir den aktuellen Moment, die nun umso kostbarere Gegenwart umso wacher erleben. Der Blog entfaltet sich dementsprechend in drei Teilblogs: Bocksprünge eines aufgeregten Zeitgeists Tiefenstrukturen der Polykrise Soweit der grundsätzliche Entwurf. Da das Ganze aber als ein essayistisches Projekt für die kommenden Jahre geplant ist, weiß ich natürlich nicht, was mir alles noch im Detail einfallen wird: zu den noch kommenden Bocksprüngen des Zeitgeists, der Tiefenstruktur der Polykrise, und welche kleinen Fluchten gelingen mögen. Daher sind die Stichwortlisten am Ende der drei Teilblogs im Moment zunächst rein tentativ zu verstehen. Es gibt in diesem Blog keine direkte Kommentarfunktion. Auf freundliche Zuschriften und anregende und weiterführende Kritik an meine mail-Adresse (Bernhard.Gill[at]lmu.de) antworte ich gerne, eventuell auch in einem darauf aufbauenden Blogbeitrag. Wer über neue Beiträge informiert werden möchte, sende mir bitte ebenfalls eine email für die Aufnahme in die Benachrichtigungsliste. |
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