Kleine Fluchten – jenseits von Hoffnung und Angst Meine Beobachtungen und Überlegungen zur Polykrise deuten auf einen unaufhaltsamen Niedergang hin, den man mit Krieg, Bürgerkrieg und sonstigem aufgeregtem Aktivismus nur weiter beschleunigen, aber eben nicht stoppen oder umkehren kann. Die Steigerung der Energieverfügbarkeit endet wahrscheinlich in einem letzten großen Feuerwerk, und danach fällt die Evolution wieder auf ein niedrigeres energetisches Niveau zurück. Wenn wir Glück haben, wird es weiter menschliches Leben geben, allerdings mit sehr viel weniger Maschinen und sehr viel mehr robuster Handarbeit. Wir werden wieder Treppen steigen müssen und nicht mehr ins Fitness-Studio gehen. Aber das wird nur der Anfang sein. Am Ende werden wir froh sein, wenn wir wieder Feldarbeit verrichten können, wenn der Boden nicht zu verseucht ist oder keine Früchte mehr trägt. Es winkt die „Idiotie des Landlebens“ (Theodor W. Adorno), dafür wird die Idiotie der Büroarbeit und der Meetings passé sein. Doch wie geht man nun subjektiv mit dieser Aussicht um? Ich habe mich selbst auch lange Zeit aufgeregt, weil ich die Hoffnung hegte, dass sich der ökologische Niedergang aufhalten ließe. Heute denke ich, dass es zwei Möglichkeiten gibt: Entweder den Zukunftshorizont in eine jenseitige Welt zu verlagern, wie es die Hochreligionen – angesichts der „Erde als Jammertal“ – schon immer empfohlen haben. Das ist für viele Menschen wahrscheinlich die einfachste und naheliegendste Lösung. Wir haben sie mit der Aufklärung vor noch nicht allzu langer Zeit und auch nur sehr halbherzig aufgegeben. Einesteils halbherzig, weil wir angesichts der Unvermeidlichkeit des Todes und anderer Unwägbarkeiten zwischendurch doch wieder auf religiösen Trost zurückgegriffen haben. Anderenteils halbherzig, indem unser Fortschrittsglaube die Wissenschaft und Technik zu Götzen erhoben hat und ihre Grenzen nie begreifen wollte. Angesichts dieser Halbheiten sollte vielen die Rückkehr nicht schwerfallen. Manchen wird sie nicht einmal auffallen. Eine andere Reaktion bestünde darin, in existentialistischer Reflexion Selbstdistanz zu gewinnen, das heißt uns selbst von einem anderen Stern aus zu betrachten: „Oh schaut an, die Erde! Dort gibt es Leben, sogar selbstbewusstes Leben. Welch seltene Erscheinung in den leeren Weiten des Weltalls! Es scheint dort ein kurzes, energetisch hoch aufgeladenes und letztlich explosives Ereignis gegeben zu haben, von dem nur noch rauchende Ruinen übrig sind. ‚Industriezeitalter‘ nannten sie es wohl. Einige Menschen haben dessen Niedergang überlebt. Sie sind wieder auf ihrer Hände Arbeit angewiesen, wie alle Zeit zuvor. Sie glauben wieder an Gott und träumen weiter von Unsterblichkeit, weil sie die Dialektik von Sein und Nichtsein, von Leben und Tod, von Endlichkeit und Unendlichkeit immer noch nicht verstehen. Dass eben Alles erst aus seinem Gegenteil, dem Nichts, begreifbar und sinnhaft wird. Wir Existenzialisten dagegen hatten uns diesen Traum von der Unsterblichkeit einstmals erfüllt, indem wir in den Phantasien von Jorge Luis Borges schwelgten. Wir waren unsterblich und dadurch war das Leben sinnlos geworden. Man konnte es nicht riskieren, es nicht aufs Spiel setzen. Selbst wenn man von einem hohen Turm sprang, war man nicht verletzt oder verloren. Man schüttelte danach nur den Staub aus den Kleidern. Alles, was wir taten, war vollkommen und daher vollkommen belanglos. Jahrtausende gähnten wir so vor uns hin. Um dabei die Erfahrung zu machen, dass Unendlichkeit noch viel sinnloser ist als Endlichkeit, Grenzenlosigkeit viel schlimmer als Grenzen. Denn Endlichkeit und Grenzen lassen uns immerhin träumen, was jenseits davon sein könnte. Leid macht Glück erst erfahrbar. In unserer Unsterblichkeit waren wir traumlos und wunschlos. Wir waren nicht unglücklich, nur unendlich gelangweilt. Zum Glück sind wir dann wieder sterblich geworden, und können uns nun wieder am Leben freuen. Und trauern, wenn es von uns geht. Seither ist die Wirklichkeit wieder wirklich, wirklicher sogar als zuvor, als bei den Menschen, die an die Zukunft im Diesseits oder Jenseits glauben und bei denen jeder Augenblick der Gegenwart als ein ‚noch nicht‘ in Erwartung des Fortschritts oder der Erlösung im Himmel abgewertet ist. Indem wir uns bewusst machen, dass wir sterblich sind, ist der Augenblick knapp und damit kostbar geworden.“ So könnte also die bewusste Aufgabe des Glaubens an die Erlösung die Tatsache des Lebens von einer Zumutung zu einem Geschenk erheben. Wie die Todesverdrängung in der Industriegesellschaft die Zukunft überhöht und die Gegenwart versklavt hat, darin wird auch in Heinrich Bölls „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ erinnert. Sie handelt von einem gut betuchten Touristen, der einen ärmlich gekleideten Fischer bei der Siesta aufstört und ihn freundlich verhört, warum er denn so früh am Tag bei bestem Wetter schon mit dem Fischen aufgehört habe. Der Fischer erklärt ihm, dass er heute morgen schon genug gefangen hätte. So viel sogar, dass es nun für mehrere Tage reiche. Der Tourist versteht das nicht. Er erklärt dem faulen Fischer, dass er ja mit weiteren Fängen in sein wirtschaftliches Fortkommen investieren und eine leistungsfähige Fangflotte betreiben, ja ein großes Fischfangkonsortium aufbauen könne. "Und dann?", fragt der Fischer. "Dann können Sie beruhigt am Hafen sitzen und in der Sonne dösen." "Prima", knurrt der Fischer, "genau das tue ich – und zwar schon jetzt." So müssen wir über den Niedergang der Industriegesellschaft und den Verlust des Fortschritts vielleicht auch nicht allzu sehr betrübt sein. Wir verlieren viele Bequemlichkeiten – und unser Übergewicht.
Weitere voraussichtliche Themen dieses Teilblogs Einsichten der Existenzialisten: Sisyphos und die Sinnhaftigkeit des Sinnlosen Unsterblichkeit: Jorge Luis Borges oder Frankfurter Schule? Weltbilder der Naturvölker und der Hochreligionen Mein zweites Berufsleben: Ausflüge in handwerkliche Selbstwirksamkeit Handwerkliche Arbeit als Selbstverwirklichung – von G.W. Hegel bis Richard Sennett Impressionen von der Balkanreise 2024 Impressionen von der Westalpenreise 2025
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