Tiefenstruktur der Polykrise – lasst alle Hoffnung fahren! Die Bockspünge des Zeitgeists sind die sichtbaren und wenig vorhersehbaren Protuberanzen der Polykrise an der Oberfläche, aber sie sind weitgehend bloß Ausdruck, nicht Ursache. Für die zugrundeliegenden Mechanismen – oder vielleicht besser: das Verständnis der Hydraulik der Magmaströme im Inneren – muss man tiefer graben. Sieben Krisen liegen verborgen und werden tagesaktuell allenfalls oberflächlich thematisiert, weil niemand ein Rezept hat, wie sie denn zu lösen wären. Wir wollen sie hier zunächst stichwortartig anreißen und in den entsprechenden Unterkapiteln dann ausführlicher beschreiben (auch das im Sinne langsam und unstet voranschreitender Arbeit, deren Vollendung jeweils mit markierten Hyperlinks angezeigt wird): 1) Umweltkrise 2) Wirtschaftliche Stagnation 3) Wirtschaftliches Wachstum (sic!) 4) Hegemonialkrise 5) Demografische Krise 6) Krise des Parteiensystems 7) Krise des Mediensystems Ganz unten in der Magma liegt die Umweltkrise, sie wirkt langsam und unstet. Der Raum der Erde ist erschöpflich, die nicht regenerierbaren Ressourcen sind begrenzt, die nicht regenerierbaren Abfälle nehmen überhand. Das war im jeweils lokalen Handlungshorizont von jeher ein Problem, konnte bisher aber fast immer durch Erweiterung des Umweltzugriffs behoben werden. Die Frühindustrialisierung zum Beispiel führte zur „Holznot“, indem die umliegenden Wälder schneller abgeholzt wurden, als sie wieder aufwuchsen. Also erschloss man den „unterirdischen Wald“ (Rolf Peter Sieferle), das heißt Kohle, Gas und Öl als die ohnehin energieintensiveren Brennstoffe. Diese Erfahrung hat man immer wieder gemacht: Knappheit tritt auf, man stößt an Grenzen. Wobei die Armen dann immer mehr leiden als die Reichen. Die Mächtigen also in ihrem Handlungsraum zunächst kaum eingeschränkt werden, weil den Hunger die anderen erleiden. Mit der Krise wächst dann schließlich oft das Rettende auch: Durch die Erschließung von Ressourcen, die man von weiter her holt. Durch Effizienzgewinne, die die Wachstumsspielräume vorübergehend erweitern, um dann von Reboundeffekten eingeholt zu werden. Durch die Verlagerung der Abfälle in neue Verschmutzungsräume, die bis jetzt noch nicht voll sind. Daher wissen wir nicht so genau, wann es mit der Umweltkrise bei uns wirklich ernst wird und wen sie dann in welcher Weise trifft. Entsprechend selten hat die Umweltkrise bisher ein Machtgefüge allein und direkt zu Fall gebracht. So ist auch jetzt eher mit einem ganzen Krisenkonzert, mit wechselseitigem Zusammenspiel verschiedener Krisen zu rechnen. Also zum Beispiel wirtschaftlicher Stagnation. Teilweise durchaus wegen höherer Umweltkosten, die entstehen, wenn man in neue Technologien, etwa regenerative Energien, investiert. Oder nicht investiert, und entsprechend von teurer werdenden Importen abhängig wird. Aber die wirtschaftliche Stagnation hat noch eine ganze Reihe anderer Gründe: demografische Alterung, die Freizeitpräferenzen und Risikoaversionen saturierter Bevölkerungen, wachsende Bildungskosten bei sinkender Bildungsrendite, schwindende Rationalisierungreserven, überschießende Kreditschöpfung („Finanzialisierung“) und die daraus erwachsenden Fehlanreize für die produktive Wirtschaft. Probleme ergeben sich aber auch durch das von der Politik und den Bürgern so bitter herbeigesehnte Wirtschaftswachstum. Durch Maschineneinsatz, Automatisierung und Künstliche Intelligenz wird die Arbeit produktiver und die Volkswirtschaft als Ganzes potenziell reicher, aber es treten Arbeitslosigkeit und Absatzprobleme auf. Rein makroökonomisch betrachtet kann man diese lösen, indem man Geld druckt und an ausgabewillige Akteure verteilt. Durch den Maschineneinsatz entstehen zugleich aber auch Gerechtigkeitsprobleme auf mikroökonomischer Ebene. Die individuelle Produktivität der Arbeitskraft ist nicht mehr messbar, die Entlohnung entsprechend willkürlich. Siehe dazu meinen Kommentar zu den Problemen des Schaufelradbaggers, rechts oben hier auf der Seite. Die willkürlich erscheinende Entlohnung mag noch angehen, solange ein prosperierender Wohlfahrtsstaat großzügig umverteilt und der Volkswirtschaft ein (symbolisch) geschlossener Volkskörper gegenüber steht, in dem sich die Idee von Solidarität halbwegs anschaulich realisieren lässt. Wenn die Volkswirtschaft aber durch bedrohlich wirkende Globalisierung und der symbolische Kokon des Volkskörpers durch unkontrolliert erscheinende Migration aufgebrochen wird, bricht der schon immer prekäre sozialstaatliche Kompromiss zusammen. Die Wahlerfolge rechtspopulistischer Parteien zeigen es. Globalisierung und hegemoniale Konkurrenz gab es schon immer, auch wenn natürlich durch die Verbesserung der Verkehrsmittel oder die Öffnung der Grenzen der Umlauf sich beschleunigt. Entscheidender als die Geschwindigkeit, Breite und Reichweite des Umlaufs ist die Richtung der Asymmetrie, ob man also die Globalisierung aus der Perspektive des Zentrums oder der Peripherie erlebt: Das Zentrum eignet sich überproportional die Vorteile an, die Peripherie hat überproportional die Nachteile zu schlucken. Bis in die 1990er Jahre war der Globale Norden (oder Westen) unangefochten das Zentrum, hat ein paar Krokodilstränen über hungernde Kinder im Globalen Süden vergossen und ein paar Groschen Entwicklungshilfe ausgeteilt. Seit den 1990er Jahren haben aber zunächst die ostasiatischen Tiger, später eine Vielzahl von Ländern im Globalen Süden zu eigener und eigenständiger Entwicklung angesetzt. Auch Russland ist aus dem Zusammenbruch der Sowjetunion als halbwegs handlungsfähiger Staat wieder auferstanden. Mit Stellvertreterkriegen versucht der Globale Westen zwar seine Hegemonie weiter aufrecht zu erhalten, aber sowohl der Zusammenhalt, die kulturelle Strahlkraft als auch die militärische Schlagkraft sind offenbar im Schwinden begriffen. Fünf Prozent des Bruttosozialprodukts für Rüstung und die damit drohende Entfesselung eines Weltkriegs werden das Blatt in der Hegemonialkrise wohl kaum wenden, die Umweltkrise aber ganz sicher beschleunigen. Die demografische Krise haben wir schon mehrfach angesprochen. Im Kern geht es hier um die Reproduktion des Volkskörpers, sei es durch Aufzucht und Erziehung biologisch eigener Kinder oder sei es durch Einwanderung. An dieser Frage entzündet sich gegenwärtig in den westlichen Gesellschaften die stärkste politische Polarisierung, die sich aus den Zahlen allein nicht erklären lässt. Die rechtspopulistischen Kräfte halten traditionelle Geschlechterrollen und Familienwerte hoch, denen sie mit den eigenen „geschlamperten Verhältnissen“ oft selbst nicht genügen. Sie sehen Migranten, und speziell Geflüchtete, vielfach als die Quelle allen politischen und sozialen Kontrollverlustes, für den es aber, wie hier gezeigt, viele Ursachen gibt. Die LGBTXY-Grünen dagegen baden in grenzenlosem Mitgefühl für alle „Migrant*innen“, das sie wenig kostet, weil sie den Geflüchteten-Unterkünften und sonstigen Brennpunkten der Einwanderung weit entrückt sind. Sie verstehen auch wenig von den Widersprüchen in den moralischen Ökonomien im ländlichen Raum sowie im urbanen Niedriglohn- und Transferhilfesektor, die von den Rechtspopulisten geschickt ausgebeutet werden. Mit der Rassismus-Keule und dem Brandmauer-Geschrei immunisiert man sich in weiten Teilen der Gesellschaft gegen jedes tiefere Verständnis des Problems. Und damit sind wir bei der Parteien- und Regierungskrise angelangt, wie sich in allen Parlamentarischen Demokratien des Westens ziemlich ähnlich entfaltet. Erstens, wie schon angedeutet, dem Aufbrechen neuer Polarisierungen, die die früher dominante sozio-ökonomische Debatte über Eigentumsverhältnisse und Verteilungsgerechtigkeit überlagern. Zweitens, besonders unter den Bedingungen des Verhältniswahlrechts, die Aufsplitterung in immer kleinere Parteien. Drittens angesichts wirtschaftlicher Stagnation die schwindende Möglichkeit, politische Versprechen tatsächlich zu realisieren. Viertens angesichts schwindender sozialer und kultureller Kohäsion für Reformvorhaben Akzeptanz zu finden. So ist es wenig überraschend, dass Regierungskoalitionen immer zerbrechlicher werden, weil die Koalitionspartner sich mit Blick auf die nächste Wahl gegeneinander profilieren müssen, und sich kaum auf die aktuelle Regierungsarbeit konzentrieren können. Wer will da noch „in die Politik gehen“? Als Politikerin muss man sich fast nach der Oppositionsbank mit ihren leeren Versprechungen sehnen. Oder muss korrupt genug sein, um die kurze Zeit an den Fleischtöpfen für ein ausgiebiges Festbankett zu nutzen. Brandbeschleuniger bei allen vorgenannten Krisen ist die Medienkrise, weil die Massenmedien den Korridor legitimer öffentlicher Meinungen nicht mehr sicher kontrollieren können. Sie stehen seit den 1990er Jahren mit dem Aufkommen des Internets zunehmend in Konkurrenz zu den Sozialen Medien, auf denen Hinz und Kunz potenziell „viral“ gehen, also anders als zu Zeiten der Beschränkung auf Stammtische hohe Reichweiten erzielen können. Erstens werden den etablierten Massenmedien dadurch in erheblichem Maße Abonnements und Werbeeinnahmen entzogen. Zweitens geraten sie, stärker als zu Zeiten der unbeschränkten Vorherrschaft der Medienoligarchien, in alarmistische Überbietungswettbewerbe im Rahmen von Aufmerksamkeitsökonomien: Je kürzer, also zugespitzter, und je schriller die Nachricht, umso höhere Reichweiten kann sie erzielen. Um sich diesem erkennbar ruinösen Überbietungswettbewerb zu entziehen, versuchen sie sich nun vielfach als Leithammelmedien zu gerieren, indem sie das verwirrte Publikum wieder auf den Pfad der Wahrheit und der Tugend zurückzuleiten versprechen. Sprachregelungen, Themen- und Narrativkontrolle durch wechselseitiges Abschreiben (senkt nebenbei auch die Kosten) und sogenannte Faktenchecks gegen unliebsame „Verschwörungserzählungen“ sollen das babylonische Sprachgewirr zurückdrängen. Und tragen doch nur zur weiteren Spaltung der Gesellschaft bei, weil diese Form der Propaganda sehr viel durchsichtiger ist als die früher um einiges subtilere Einhegung des öffentlichen Diskurses. Diese sieben Krisen sind offenbar fast alle untereinander verbunden und verstärken sich wechselseitig. Viele Wechselwirkungen sind zu offensichtlich, als dass sie hier kommentiert werden müssten. Man kann aber fragen, ob wirtschaftliche Stagnation und Wirtschaftswachstum sich nicht widersprechen. Ja und nein: Die Gesamtwirtschaft kann stagnieren, auch wenn einzelne Sektoren wachsen; indem nämlich andere Sektoren schrumpfen. Und das Produktivitätswachstum, gegenwärtig zum Beispiel durch KI, lässt sich nur dann in Wirtschaftswachstum überführen, wenn die resultierende Arbeitslosigkeit und die damit sinkende Kaufkraft abgefangen werden kann, was selten ohne Friktionen vonstatten geht. Auch die Verbindung zwischen Umweltkrise, Demografiekrise, Parteienkrise und Wachstumskrise ist nicht ganz offensichtlich: Die komplexe Vermittlung bzw. Entkopplung zwischen individueller Arbeitsanstrengung und betriebswirtschaftlichem Output besteht schon lange, weil Maschinen als Energiesklaven dazwischentreten und kollektiv verteiltes Wissen im Betrieb diffundieren muss. Aber lange konnte sich trotzdem die moralökonomische Vorstellung halten, dass Löhne „verdient“ werden müssten, also eine mehr oder weniger proportionale Beziehung zwischen „Leistung“ und „Einkommen“ bestünde. In der neoliberalen Propaganda der 1990er Jahre wird diese Behauptung, trotz der weitergehenden Entwicklung zum Gegenteil, sogar noch verstärkt. Ziel war es, Streiks und Forderungen an den Wohlfahrtsstaat abzuwehren und die Errungenschaften kollektiver Arbeitskämpfe zurückzudrängen. Das hier aus der Mitte der Gesellschaft heraus angelegte geistig-moralische Trümmerfeld ist der Nährboden, auf dem die extrem individualistischen Vorstellungen der Rechtspopulisten heute blühen und sozialdemokratische Parteien ihrem Absterben entgegen siechen. Angesichts des systemischen Charakters der Polykrise sind aktionistische Aufrufe „man müsste doch mal etwas tun“ zwar sehr verbreitet, aber allenfalls dazu geeignet, den eigenen Blutkreislauf in Schwung zu bringen. Entsprechend auch die Ratlosigkeit der Parteien, zumindest wenn sie in der Regierung sind. In der soziologischen Evolutionstheorie wird der Einfluss individueller und auch kollektiver Handlungsimpulse schon immer mit Skepsis betrachtet: Sie setzen Mutationen, über deren Erfolg jedoch die Selektion, das heißt ihre Resonanz und Anschlussfähigkeit entscheidet, die sie in einem komplexen und sehr zählebigen Geflecht langfristig etablierter Praxen finden – oder eben in der Regel auch nicht. Die Gesellschaft ist ein System, das sich nicht passiv wie etwa ein Haus oder ein Schiff von einem Akteur nach einem vorher gefassten Plan umbauen lässt, sondern sich selbst organisiert, anpasst oder untergeht. Daher auch der auf die Französische Revolution gemünzte Spruch „die Revolution verschlingt ihre eigenen Kinder“. Entweder indem sie sie direkt killt (Danton, Robespierre, Babeuf zum Beispiel kamen selbst unter die Guillotine), oder indem sich die Revolutionäre „beim Marsch durch die Institutionen“ der Reaktion erfolgreich anverwandeln (in der frz. Revolution zum Beispiel Joseph Fouché oder bei den 1968ern Joschka Fischer). Die US-amerikanische Hegemonie mag vielleicht bald schon durch eine chinesische Hegemonie abgelöst werden oder in einer multipolare Welt zerfallen. Die Umweltkrise wäre damit aber nicht gelöst. Längerfristig kann hier nur weise Selbstbeschränkung helfen, jedoch auf welcher Ebene könnte diese initiiert und wirksam werden? „Degrowth by design, not by desaster“ lautet ein durchaus einleuchtender Slogan der Postwachstums-Bewegung und entsprechende volkswirtschaftliche Umbaupläne wurden vorgelegt (zum Beispiel von Peter Victor). Seit der im Ukrainekrieg offen ausgebrochenen Blockkonfrontation sind wir jedoch weiter denn je von einer solchen Selbstbeschränkung entfernt. In der Konkurrenz der Machtblöcke würde Verzicht auf staatlicher Ebene volkswirtschaftlichen und militärischen Machtverlust bedeuten, so dass sich eben die anderen Machtblöcke die Ressourcen und Verschmutzungsräume aneignen, für die Umwelt aber nichts gewonnen wäre. Den sich abzeichnenden zentralen Endkampf könnten wir vielleicht dezentral unterlaufen, indem wir verschiedene Pfade der Krisenresilienz in kleineren Organisationseinheiten erproben. Metaphorisch gesprochen: Angesichts des sich abzeichnenden Niedergangs müssten wir rechtzeitig in die Beiboote steigen und uns absetzen, um nicht vom Strudel der nicht mehr zu steuernden „Wachstums-Titanic“ mit in den Abgrund gerissen zu werden, empfiehlt zum Beispiel der Degrowth-Theoretiker Niko Paech. Zu bemerken ist allerdings, dass die Menschen in den Rettungsbooten damals von der Carpathia, einem herbeieilenden Schiff, aufgenommen worden sind; sie wären sonst wegen Kälte und Entkräftung alle umgekommen. Ein solches herbeieilendes Schiff, ein zweiter Planet, ist nicht in Sicht. Weitere voraussichtliche Themen dieses Teilblogs Inwiefern sind imperiale Kriege „rational“ (John Mearsheimer)? Begrenzte nationale Handlungsfähigkeiten bei global verfügbaren Ressourcen und Verschmutzungsräumen Paradoxes im Endkampf ums Öl Hoffnung auf Fortschritt oder Wahrscheinlichkeit des Niedergangs -- frühmoderne vs spätmoderne Lesarten der Evolutionstheorie Grenzen der Energiewende – der Zielkonflikt zwischen Energieeffizienz und Energieverfügbarkeit Evolution als Steigerung der Energieverfügbarkeit – am Beispiel der Nahrungskette und der Wertschöpfungskette (Howard T. Odum) Evolutionstheorie oder kosmische Intelligenz: kann man am Ende doch Hoffnung hegen? …...
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